Fußball in Südamerika

Immer wenn man denkt …

… man habe schon einiges gesehen, dann belehren einen wenige Schritte aus der Haustür eines Besseren.

Wie nun langsam bekannt sein sollte, verstarb Nestor Kirchner, Ex-Präsident, Präsidentinnen-Gatte und designierter Präsidentschaftskandidat für die Wahl 2011, gestern. Da ich mir schon dachte, dass Argentinier auch den heutigen Abend wieder nutzen würden um ihre Begeisterung für Kirchner zu zeigen, bin ich ín Richtung Plaza de Mayo, wo sich der Präsidentenpalast befindet, gegangen.

Aber was sich dort abspielte … ich glaube das muss man gesehen haben. Zehntausende Leute unterwegs mit Fahnen, Spruchbändern und Trommeln. Um den Palast herum sind 10-12 Quadras abgesperrt und die Leute stehen in 10er, 15er oder gar 20er Reihen an (und das durch sämtliche Nebenstraßen) um auf den Vorplatz zu kommen. Dort wird ua. die Trauerfeier live übertragen, es lagen scheinbar Kondolenzbücher aus etc. Und weil die Argentinier eines total gut können: Schlange stehen (kein Witz), haben sich dutzende Schlangen gebildet zu irgendwelchen Zielen. Die Stimmung ist eine total unglaubliche. Ein Zwischending von Volksfest, Trauerfeier und Fußballspiel. Ich dachte ich höre nicht richtig, als pausenlos Lieder auf bekannte Fußballmelodien gesungen wurden und zu „Wer nicht hüpft, der [nicht verstanden]“ sprangen um mich herum tausende Leute begeistert auf und ab. Auf Bussen stehen Fahnenschwenker, zwischendrin Fußballleute (wie man an ihren Trommeln erkennen kann) und geben den Takt vor, mittendrin unter Gejohle hin und wieder etwas Feuerwerk. Auf der Leinwand wird fast jeder, der der Witwe kondoliert bejubelt. Ganz besonder aus rastet die Meute bei Diego Maradona (Oh Wunder) und Hugo Chavez dem Präsidenten von Venezuela. Einige mir Unbekannte wurden wüst ausgepfiffen und selbst in der Halle in der die Feier stattfand sah man Menschen singen incl. der Argentinien-typischen Handbewegung.

Essensstände, Getränkeverkäufer … wie beim Fußball – nur die Preise sind hier höher. Die komplette Innenstadt ist voll gemalt mit Durchhalteparolen für die Partei, die Witwe, das Land. Häuserwände, Haltestellen, Fußgängerüberwege – schlicht alles.

Auf dem Rückweg dauert es ein bisschen bis ich merke was gerade komisch ist: Ich kann zu Fuß mitten auf der 6 oder 7-spurigen Diagonal-Norte auf den Obelisken zulaufen, weil alles abgesperrt ist. In jedem Restaurant, Kneipe, Cafe an dem ich vorbei komme läuft heute ausnahmsweise kein Fußball im TV, wie sonst eigentlich 24/7, sondern die Gäste sitzen gebannt und schauen die Trauerfeier. Überall stehen Busse am Straßenrand, die Leute in die Stadt gekarrt haben – als wären reichlich 15 Millionen nicht schon genug.

Ein total kurioser Abend …

1 Kommentar

  1. TaliJan

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